Scherben bringen (mir) kein Glück…

Das musste ich gestern wieder mal feststellen.

Ich habe eine kleine Glasfigur kaputtgemacht, die ich von einem der Kinder geschenkt bekommen hatte. Damals war ein Glasbläser an der Grundschule gewesen. Lange ist es her – bestimmt 3 oder 4 Jahre mindestens. Und verschollen war es auch gewesen, weil es in der alten Wohnung gar noch nicht aufgetaucht war aus den Umzugskartons.

Jetzt im neuen Heim habe ich mir angewöhnt, jeden Abend etwas von unten mit nach oben zu nehmen, wenn wir nach Hause kommen, damit es wenigstens etwas voran geht. Noch immer stecken wir im Umzug, aber es wird langsam. Es nimmt Formen an. Dennoch… es war so unfassbar und ich bin so traurig deswegen.

Gestern also nahm ich unter anderem diese Glasfigur mit hoch, wobei mein Bauchgefühl schon anmahnte, wo ich denn damit hin wolle, damit es dann nicht kaputt geht. Ich zerdrückte das Gefühl in mir und handelte zuwider. Nun hatten wir erstmal gegessen. Stilvoll gab es Tiefkühlpizza und als Nachtisch Toffeefee. Ich hatte echt Kohldampf, denn ich hatte 13 Stunden nichts gegessen. Und danach guckten wir mit einem Kind noch eine Serie auf DVD, wobei wir ein Glas Wein tranken. (Das Kind natürlich nicht). Ich war danach schon recht müde, Herrchen noch viel mehr. Und so wollte ich noch kurz die Zeit nutzen, bevor wir direkt nach den Kindern ins Bett gehen, um wenigstens ein Teil abzustauben. Eben diese Glasfigur… Ich hätte es lassen sollen. Ich nahm sie von einem Raum vom Tisch mit einem Staubtuch in der anderen Hand und trug sie zu dem Schrank, in den ich es stellen wollte. Ich stand davor, staubte es vorsichtig ab und dann passierte das Unfassbare.

Ich hatte das Staubtuch in der rechten Hand und die Figur in der linken. Noch während ich so stand, dachte ich daran, dass ich erstmal kurz über die Fläche wischen müsse, bevor ich es da rein stelle. Und da liess meine linke Hand die Glasfigur einfach los. Einfach so. Grundlos. Und das bei meiner Panik vor Scherben. Meine Ängste bewahren mich Jahrzehnte davor, dass etwas zu Bruch geht. Denn dann springt sofort meine Angst darauf an. Ich habe mich vorher weder erschrocken, noch bin ich irgendwo angestossen. Es fiel. Und kam mit einem lauten Knall auf dem Holzboden auf. Teile sprangen ab und ich stand dort und starrte auf die zerborstenen Teile. Fassungslos. Panisch. Ich konnte mich nicht rühren. Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich wusste nur, dass das nicht hätte passieren dürfen. Dass es unmöglich war, dass das gerade passiert war. Dass es zu wichtig ist, um genau diesem Schicksal zu erliegen.

Schockstarre nennt man sowas wohl. Ich überlegte erstmal, wo noch Scherben hingesprungen sein können. Suchte mit den Augen den Boden ab. Vom Krach angezogen schaute Herrchen auch auf den Boden und fand ein Teil und brachte es mir. Ich zählte insgesamt 5 Teile – 4 ziemlich kleine Teile und ein grosser. Ich ordnete diese mit zitternden fuenfteileHänden im Schrank an. Ich kam mir schmutzig vor und schämte mich, was gerade passiert war. So was Ungeschicktes! Ich wollte mit meinen kontaminierten (so fühlt es sich an für mich) Klamotten nicht raus aus dem Raum, also bat ich ihn darum, mir den Staubsauger zu holen. Um Mitternacht staubsaugte ich also das Wohnzimmer, schüttelte den kleinen Teppich aus, saugte auch meine Socken und seine Puschen unten drunter ab – nur um später dann vorm Schlafengehen eben diese meine ganzen Klamotten unten in dem Raum zu lassen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, sie noch mal anziehen, ohne sie zu waschen. Ich weiss, dass es Blödsinn ist, aber ich werde mich unwohl fühlen, wenn ich dauernd dran denke, ob ich nicht doch irgendwo noch Splitter mit dabei hatte, die ich dann in den restlichen Räumen noch verteile, ohne es zu bemerken.

Ich schaffte es nur im Schlüpfer kaum die Treppe zu den Schlafräumen hoch. Weinend machte ich mich fertig. Er tröstete mich. Ich sagte den Kindern Gute Nacht und bevor ich ins Bett schlüpfte musste er noch meine Fusssohlen kontrollieren, dass auch wirklich keine Scherben drunter sind. Ich schlief denkbar schlecht.

Heute morgen fühlte ich mich so schlecht wie schon seit Monaten nicht mehr. Das dunkle Monster ist zurück und wütet in mir. Ich will es vertreiben. Es darf nicht da sein. Wir haben noch so viel zu tun, zu erledigen. Ich will weiter tapfer an seiner Seite dafür sorgen, dass wir fertig werden. Er braucht mich. Aber ich brauche ihn auch. Seine Hilfe. Es war einfach zu viel in dieser Woche. Sehr hektisch auf der Arbeit zusammen mit seinen Eltern, die doch nur helfen wollen. Aber es stresst mich total. Dann das grosse Bedürfnis nach Dominanz. Nicht die fürs Bett, sondern die, die einen Blick ausmachen, die mir den Platz zeigen. Die nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, aber grosse Wirkung haben.

Beim Frühstück sagte er mir, dass er nochmal mit mir drüber „reden“ will, um mir mit meinem schlechten Gewissen zu helfen. Dies hat er all die Jahre nicht gemacht, selbst wenn ich ihn darum bat. Daher gehe ich davon aus, dass er es vergessen wird. Und ausserdem macht es die Figur nicht wieder heile. Er will versuchen, sie zu  kleben. Er sprach sogar davon, dass wir sie versuchen, nochmal zu kaufen bei dem Glasbläser. Aber das ist für mich nicht das Selbe. Es ist kaputt. Und ich bin schuld.

Bevor die Kinder zur Schule losgegangen sind fragten sie, warum wir vorm Schlafengehen staubgesaugt hätten. Ich beichtete, dass mir was runtergefallen sei und das Kind, was mir dies geschenkt hatte, wurde sehr traurig. Wenn es gleich zu mir nach der Schule kommt werde ich nochmal erklären müssen, wie traurig es auch mich macht und ich mir nicht erklären kann, warum es passiert ist. Ich hoffe, es kann mir das vergeben. Ich bin so traurig und wütend auf mich. Sowas hätte nicht passieren dürfen, auch wenn Herrchen meinte, dass kein Mensch fehlerfrei ist und sowas passieren kann. Aber mir passiert sowas nicht. Meine Ängste halten mich von sowas ab. Und dann noch grundlos? Ich verstehs einfach nicht…

Vielleicht hilft es mir, dass alles einmal aufzuschreiben. Ich weiss, es klingt krank und durchgeknallt. Und es fühlt sich für mich viel schrecklicher an, als wahrscheinlich überhaupt einer nachempfinden kann. Vielleicht sagt ihr euch sogar – sofern ihr überhaupt bis hierhin gelesen habt – was so eine Lapallie eigentlich soll? Warum man dem so viel Raum im Leben gewährt. Aber für mich – für mich ist es wirklich furchtbar und ich fühle mich leer und schmerzend gleichermassen. Das Monster soll weggehen.

Weg.

Damit ich wieder Freude empfinden kann…

8 Kommentare

  1. Ich kann deine Gefühle nachvollziehen. Da bahnte sich wahrscheinlich schon seit Längerem was an, eben dieses dunkle Gefühl, das nun einen willkommenen Grund gefunden hat, sich wieder zu materialisieren.

    Ich halte es für gut und wichtig, dass du das ernst nimmst, aber dann auch wieder versuchst, dem Ganzen die Bedeutung zu geben, die es wirklich hat. Du bist traurig, das Kind ist traurig, aber es geht vorbei.

    Und dann geht es auch wieder weiter. Scherben gehören dazu. Das dunkle Monster gehört dazu. Und du kannst beides meistern. Du bist stärker, als du es im Moment fühlst!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke lieber Michael für die aufbauenden Worte. Mir geht es mittlerweile wieder besser, aber ich bin emotional immer noch nicht wieder ganz fit – körperlich ganz zu schweigen…
      Das dunkle Monster wähnte ich besiegt. Ich weiss mittlerweile recht gut, was ich brauche und wenn ich das in regelmässigen Abständen erhalte, dann kann ich es dort eingesperrt lassen, wo es ist. Es darf sich nicht befreien. Es macht so viel kaputt und/oder schwerer.
      Die Sache mit den Scherben ist nochmal ne andere Sache, denn diese Phobie schlepp ich seit Kindertagen mit mir rum – aber ich arbeite hart an mir, diese in den Griff zu kriegen. Ist halt nicht so einfach, sowas allein zu schaffen. Mir fehlt da immer noch der Mensch, der es schafft, mich zu überzeugen…
      Das Kind hat mir verziehen und vielleicht schaffen wir es, es zu kleben. Das ist das wichtigste für mich.
      lg kitty

      Gefällt 1 Person

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